Katzenverhalten: Einflussfaktoren (Krankheiten & Stress)

Krankheiten 

Da häufig Schmerzen, organische Störungen und Krankheiten für störende Verhaltensmuster, Zwangs- & Verhaltensstörungen verantwortlich sind, hat deren Ausschluss oberste Priorität. Teilweise wird für die Offenlegung der Ursache viel Engagement benötigt. Katzen sind Individuen mit eigenem Charakter, Krankengeschichte, Wohnumfeld und sozialer Prägung – das wird nicht nur in Miez Momente, sondern auch durch andere Artikel dieser Website deutlich. Entsprechend logisch ist deshalb, das die Ursachenforschung meist nicht durch ein kurzes Aufsuchen beim Tierarzt möglich ist. In vielen Fällen liegen auch Haltungsfehler vor, die den biologischen oder sozialpsychologischen Bedürfnissen der Katze zuwi­der­lau­fen. Wichtig ist deshalb die Begutachtung des Lebensumfelds der Katze – wobei der entsprechende Zeit- und Kostenaufwand für einen »Katzenflüsterer« berücksichtigt werden muss. In Kombination mit einem detailliertem Interview über die Vorgeschichte und die Haltungsbedingungen, kann oft die Ursache ermittelt werden. Es gibt auch die Möglichkeit einen fachkompetenten Tier-psychologischen Berater zurate zu ziehen, der Mitglied eines Berufsverbandes wie z. B. Verband und Interessengemeinschaft der Ethologen und Tierpsychologen mit Ausbildung ist.

 

Beispiele

  • Anfälle & Epilepsie

  • Diese können nicht unterbrochen werden und »verlaufen« meist Phasenweise. 

  • Hirnschäden (Läsionen)

  • Bei der Untersuchung werden weitere neurologische Defizite festgestellt, sofern der Verdacht auf zentrale Läsionen besteht können zusätzliche diagnostische Tests durchgeführt werden. Ein Beispiel hierfür ist eine Leber-Hirn-Störung (hepatische Enzephalopathie). 

  • Neuropathien (sensorisch)

  • Stellvertretend sei die Polyradikuloneuropathie erwähnt, die dem Guillain-Barre-Syndrom beim Menschen ähnelt. 

  • Infektionen

  • Informationen bzgl. Vorerkrankungen, Anamnese und Laborergebnisse helfen Krankheiten wie Tollwut, Felines Immundefizienz-Virus (FIV), Parasitose, Juckreiz verursachende Erkrankungen oder durch Zecken übertragene Erreger von Zwangsstörungen zu unterscheiden. 

  • Magen-Darm

  • Neuere Forschungen weisen darauf hin, dass Störungen im Magen-Darmtrakt die Grundlage für abnormale Verhaltensweisen sein können. Eine geeignete Diagnostik kann entsprechende Störungen ausschließen die wiederholtes Lecken von Gegenständen/Luft, Pica oder das Saugen/Essen von Stoffen verursachen. 

  • Augen

  • Eine vollständige augenärztliche Untersuchung sollte durchgeführt werden, um Anomalien auszuschließen die als Schatten oder Blitze interpretiert werden oder um eine Erblindung (Amaurose) auszuschließen. 

  • Stoffwechsel & Hormone

  • Details zu Vorerkrankungen, Anamnese und (Labor) Untersuchungen helfen Zwangserkrankungen von Stoffwechselerkrankungen zu unterscheiden. Beispiele: Scheinträchtigkeit (Pseudogravitität) und Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose). 

  • Vergiftung

  • Eine ausführliche Anamnese und (Labor) Untersuchungen helfen mögliche Intoxikationen von Zwangserkrankungen zu unterscheiden. 

  • Haut

  • Jede Erkrankung, die eine Selbstverstümmelung oder zwanghafte Pflege beinhaltet, erfordert eine umfassende dermatologische Untersuchung. 

  • Trauma

  • z. B. Schädel-Hirn-Trauma. 

  • Degeneration

  • Beispielsweise kognitive Dysfunktion (senile Demenz) und Wasserkopf (Hydrozephalus). 

  • Nahrung

  • Diät-bezogen, Nahrungsmittelabneigung, Nahrungsmittelallergie, Nährstoffmangel.

  • Blut

  • Beispiel: Anämie (Blutarmut).

  • Urogenitalsystem

  • z. B. Blasenschwäche (Inkontinenz), Blasenentzündung. 

Verhaltensweisen die auf Krankheitsprozessen beruhen

In einigen Fällen sind Verhaltensweisen sogar das vollständige Ergebnis eines Krankheitsprozesses und treten unabhängig von äußeren Ereignissen auf. Im Allgemeinen sind diese seltener, als Pathologien die Verhaltensreaktionen auf äußere Ereignisse modifizieren. Antwort erzeugende Anomalien können zu jedem Zeitpunkt des Prozesses auftreten. Angefangen von der sensorische Reizübermittlung an das Gehirn, der Informationsverarbeitung im ZNS bis zur Informationsweiterleitung aus dem motorischen Kortex. Die Erzeugung abnormaler sensorischer Informationen führt zu ähnlichen Verhaltensreaktionen auf sensorische Inputs, wie sie auf echte äußere Reize erfolgen. 

  • Unangenehme aber nicht schmerzhafte Reaktionen (parästhetisch) 

  • Zusätzlich zu Sensibilität (dysästhetisch) und Überempfindlichkeit (hyperästhetisch) in peripheren sensorischen Nerven gehören unangenehme, wenn auch nicht schmerzhafte Reaktionen – bei diesen wird eine spontane Aktivität im Nerv ohne mechanische Stimulation der entsprechenden Rezeptoren erzeugt. Diese abnorme oder an falscher Stelle stattfindende Impulserzeugung wird auch als sensorische Neuropathie bezeichnet. Da diese abnormalen Reize so verarbeitet werden, wie sie als Reaktion auf echte äußere Reize auftreten, ist die Reaktion der Katze auf Reizungen oder Schmerzen, die von der Quelle herrühren angemessen – Putzen, Kratzen oder Beißversuche. In einigen Fällen können diese Reaktionen extrem sein und sowohl die Katze als auch den Besitzer erheblich belasten. Der Schwanz ist ein häufiges Ziel – möglicherweise weil die sensorischen Nerven im Schwanz anfälliger für Schäden sind (Bissverletzungen oder Einklemmen des Schwanzes). Eine Katze kann diesen wiederholt so angreifen, dass er geschädigt wird und medizinische oder chirurgische Eingriffe erforderlich sind. Abhängig von der Ursache der sensorischen Schädigung und dem Ausmaß der Reaktion kann das Verhalten sogar in der Amputation des Schwanzes münden.

  • Schmerzen im Gesichts- & Mundbereich

  • Insbesondere bei orientalischen Rassen wurde ein abnormes Schmerzempfinden im Gesichts- und Mundbereich beschrieben. Obwohl es mehrere mögliche Faktoren für diese Störungen geben kann, ist die Schädigung der Gesichtsnerven wie dem Trigeminusnerv ein wichtiger Faktor. Katzen die an dieser Form leiden zeigen Anzeichen unterschiedlicher Schweregrade – in den extremen Fällen kommt es zu enormen Schäden durch den verzweifelten Versuch einer Schmerzlinderung durch Kratzen.

  • Aktivität in unerwünschten Bereichen (ektopisch)

    Spontane ektopische Aktivität in Nervenzellen tritt auch im Gehirn auf. Diese spontanen Verschiebungen der Depolarisation oder wiederholte Entladung aus über erregbaren Neuronen-Ansammlungen werden als epileptische Anfälle bezeichnet. 

  • Beim Status epilepticus, vormals als Grand mal bezeichnet, breitet sich diese Aktivität über das gesamte Gehirn aus. 

  • Die elektrische Aktivität kann sich jedoch auch lokal beschränken und nur einen Teil des Gehirns beeinflussen. Die Verhaltensreaktion die sich aus diesen fokalen Anfällen ergibt, hängt von dem betroffenen Bereich und dem Ausmaß ab, in dem sich der Anfall ausbreitet. Daher wird ein fokaler Anfall in der Sehrinde vermutlich dazu führen, dass eine Katze so reagiert, als ob sie etwas gesehen hätte (visuelle Halluzination). Die Reaktion ist oft identisch mit der, die sich ergeben würde, wenn die Katze einen echten Reiz gesehen hätte, da die Aktivierung dieser Hirnregion zur Erzeugung derselben Verhaltensreaktion führt. Daher kann es vorkommen, dass sich Katzen auf nicht existente Gegenstände stürzen oder ihnen nachjagen. 

  • Anfallsaktivität die im limbischen Teil lokalisiert und für die Erzeugung von emotionalen Reaktionen verantwortlich ist, kann zu plötzlichen, unprovozierten Verhaltensreaktionen führen, die auf eine extreme emotionale Störung hindeuten. Katzen können plötzlich weglaufen und sich verstecken oder extreme Aggression gegenüber der nächsten Person, einem Gegenstand oder einem anderen Tier zeigen. Liegt der Fokus dieser Anfälle auf dem motorischen Kortex, sind die resultierenden Verhaltensweisen häufig eher in der Form festgelegt als die eher „zielgerichteten“ und variablen Verhaltensweisen, die mit sensorischen fokalen Anfällen verbunden sind.

    Die Anfallsaktivität entwickelt sich im Laufe der Zeit durch den Prozess der »Nervenzündung«, wobei die spontane Aktivität in einem Bereich allmählich zur Ausbreitung auf benachbarte Zellen führt. Im Anfangsstadium kann die Anfallsaktivität daher zu relativ leichten Anzeichen führen, die oft nicht beachtet werden. Zunächst können Anfälle im limbischen Teil leicht verlaufen, sich aber mit der Zeit zu offensichtlicheren Anfällen mit klaren Verhaltensindikatoren entwickeln. Die Lernfähigkeit des Gehirns und die Anfälligkeit der Zellen für wiederholte elektrische Stimulation bedeuten, dass Verhaltensänderungen zur Erkennung einer frühen Anfallsaktivität genutzt werden können. Der andere Faktor, der bei Epilepsie zu berücksichtigen ist, ist die Auswirkung der Anfälle auf das Verhalten zwischen den Episoden. Da die Anfälle selbst eine teilweise »Umgestaltung« von Hirnarealen bewirken, kann auch die Reaktion des Tieres auf normale Stimuli in der Zeit zwischen den Anfällen beeinflusst werden.

     

     

     

Beibehalten des Verhaltens nach geheilten Krankheiten

Bei der Bewertung des Verhaltens dürfen nicht nur die aktuell auftretenden normalen oder krankhaften Auswirkungen berücksichtigt werden – sondern auch mögliche Auswirkungen zurückliegender Vorfälle. Oft können Verhaltensänderungen als Folge eines früheren Ereignisses auftreten, das zwar inzwischen gelöst, bei dem aber die Verhaltensreaktion durch Lernen beibehalten wurde. 

 

  • Kater mit FIC oder Harnröhrenspasmen können beim Urinieren stehen, um den Durchgang durch die entzündeten Bereiche zu erleichtern. Sobald diese lernen, dass eine solche Haltung die mit der Ausscheidung verbundenen Schmerzen lindert, wird dieses evtl. auch nach der Auflösung der Krankheit beibehalten. In ähnlicher Weise können Vermeidungsreaktionen die unter Schmerzen gelernt wurden, auch nach der Auflösung der Erkrankung fortbestehen. 

  • Eine Katze kann sich weiterhin aggressiv gegenüber dem Halter zeigen, wenn dieser versucht seine Katze am Schwanzansatz zu berühren, obwohl der vorherige Abszess bereits verheilt ist – zumindest so lange die Katze noch keine Gelegenheit hatte zu lernen, dass der Kontakt in diesem Bereich nicht mehr schmerzhaft ist. 

Verhaltensweisen die aus medizinischen Gründen entstehen, können sich auch aus anderen Gründen verstärken und verfestigen. 

  • Das wegen einer irritierenden Läsion eingeleitete Pflegeverhalten kann dadurch verstärkt werden, dass der Halter der Katze währenddessen vermehrt Aufmerksamkeit »schenkt«. Diese Art der Verstärkung ist besonders wahrscheinlich, wenn die Katze die Aufmerksamkeit des Halters bevorzugt und ihn schätzt.

Umweltstress als Ursache von Krankheiten

In der Humanmedizin wird zunehmend anerkannt, dass psychischer Stress einen großen Einfluss auf somatische Erkrankungen hat. Auch in der Veterinärmedizin hat die Anerkennung des Einflusses von Umweltreizen auf Krankheitsprozesse und die individuellen Reaktionen auf Umweltveränderungen zu genommen. Es muss allerdings noch weiter geforscht werden um den Zusammenhang zwischen Stressaussetzung und Krankheitsanfälligkeit zu klären. Noch ist nicht geklärt, warum einige Menschen anfälliger für somatische Krankheiten zu sein scheinen als andere, obwohl diese unter ähnlichen Umweltbedingungen leben. Ebenfalls nicht bekannt ist, warum verschiedene Personen, die denselben Stressfaktoren ausgesetzt sind Störungen entwickeln, die unterschiedliche Körpersysteme betreffen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass einige Individuen prädisponiert sind, sodass das gleichzeitige Auftreten von extremen Umweltbedingungen zu fehlgesteuerten Stressreaktionen führt. Es sind also weitere Forschungen notwendig um diese Art der Verletzlichkeit inkl. ihrer Wechselwirkung mit den Stressfaktoren zu untersuchen.

Bei Katzen ist der Zusammenhang von FIC und Stress größtenteils anerkannt. In der Tat kann es kompliziert sein diese Fälle von einem unangemessenen Ausscheidungsverhalten abzugrenzen. Die Aussetzung gegenüber Ereignissen die Katzen als unangenehm empfinden, ist ein wichtiger Faktor für die multifaktoriellen Ursachen dieser Erkrankung – ähnliche Faktoren können sowohl zu einer unangemessenen Ausscheidung als auch zu FIC führen. Andere chronische Erkrankungen des Menschen, bei denen Stress als ein Faktor angesehen wird, sind das Reizdarmsyndrom und chronische Hautkrankheiten – beide sind anekdotisch auch bei Katzen relevant. Bei den oben beschriebenen hyperästhetischen Sinnesreaktionen wird auch Umweltstress als ursächlicher Faktor angegeben.

Zusätzlich zu chronischen Krankheitszuständen bei denen die klinischen Symptome durch Stress verschlimmert oder beschleunigt werden, kann akuter Stress wichtige Auswirkungen auf die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten haben. Ein hoher Stresslevel bedeutet z. B. der Aufenthalt in einer Tierpension oder einem Tierheim. Erschwerend kommt der Verlust der Vorhersehbarkeit und die Veränderung der Umwelteinflüsse hinzu. Die Folgen sind eine erhöhte Infektanfälligkeit, was aufgrund des eingeschränkten Lebensraums die Wahrscheinlichkeit weiterer Infektionen erhöht.